Selbst ernanntes "Sicherheitsteam" bei den Protesten der Gelbwesten in Paris | Bildquelle: CHRISTOPHE PETIT TESSON/EPA-EFE/

"Gelbwesten"-Proteste Vom Donbass an die Seine

Stand: 19.01.2019 18:27 Uhr

In der "Gelbwesten"-Bewegung haben sich Freiwillige zu einem Sicherheitsteam formiert, unter ihnen Ex-Militärs. Mindestens einer ist als Extremist bekannt und war Kämpfer im Donbass.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

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Silvia Stöber, tagesschau.de

Auch am zehnten Protestsamstag in Folge sind die "Gelbwesten" in Frankreich eine heterogene Bewegung. Es gibt mehrere Sprecher und Organisationsteams in Paris und anderen Orten.

Neu ist eine Gruppe, deren Mitglieder außer den gelben Westen weiße Armbänder trägt. Manche fallen auf mit roten oder hellblauen Armee-Barett auf dem Kopf. Sie laufen Hand in Hand am Anfang und Ende des Zuges und wollen freiwillig für Sicherheit und Ordnung bei den Protestaktionen sorgen.

Der französische Sender BFM berichtet, zu der Gruppe zählten 150 Leute. Das seien drei Mal mehr als am 12. Januar, als sie zum ersten Mal auftraten. Reporter der französischen Ausgabe der "Huffington Post" hatten sie da nach ihrer Motivation gefragt.

"Ein Ordnungsdienst ist notwendig, um eventuelle Gewaltausbrüche zu zügeln und der Regierung und den Franzosen zu zeigen, dass die Gewalt nicht unsere Sache ist, sondern dass sie aus polizeilichen Provokationen resultieren", erklärte ein Mann mit weinroten Militärbarett und schwarzem Vollbart. Dem Reporter stellte er sich als Anthony vor.

Kämpfer im Donbass

Kaum hatte die "Huffington Post" das Video und einen kurzen Text online gestellt, meldeten sich mehrere Leser bei der Online-Plattform. Der Mann heiße Victor Lenta. Er sei Unteroffizier bei den Fallschirmjägern im südfranzösischen Carcassonne gewesen. In der Region Toulouse sei er in der rechtsextremen Bewegung der Identitären verankert und werde mehrerer rassistisch motivierter Aggressivitäten beschuldigt.

Aus einem Artikel der französischen Zeitung "La Dépêche du Midi" vom 28. August 2014 geht hervor, dass er in weiteren rechtsextremen und neonazistischen Splittergruppen, darunter der Gruppe "Unité continentale", aktiv war.

Im Juni 2014 ging Lenta in die Ostukraine zu den von Russland unterstützten Separatisten und blieb dort 16 Monate, wie er RT France erzählte.

In einem Interview mit der in Deutschland erscheinenden rechtsextremen Zeitschrift "Zuerst!" vom Oktober 2014 beschrieb Lenta, was er dort tat: Er kämpfe in einer französisch-serbischen Freiwilligenbrigade "Continentale" - aus Idealismus. Sie würden örtliche Milizen in Kampftechniken ausbilden und planten, weitere Freiwillige in Europa zu rekrutieren, "um Neurussland gegen die Angriffe aus Kiew zu verteidigen". In der Verfassung Neurusslands seien ein "moderner sozialistischer Gedanke und das orthodoxe Christentum enthalten."

Драгана Трифковић @DrTrifkovic
In the new German ZUERST my interview with the French Serbian brigade commander Victor Alfonso Lenta #Novorossiya http://t.co/wNfSTJKzwe

Verantwortlich für den Inhalt von "Zuerst!" ist Manuel Ochsenreiter, der selbst häufig in der Ukraine und anderen Konfliktgebieten unterwegs ist. Bis vor wenigen Tagen war er Referent des AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier.

Der AfD-Politiker trennte sich am 17. Januar von Ochsenreiter. Zuvor war bekannt geworden, dass ein Angeklagter in Polen erklärt hatte, Ochsenreiter sei in einen Brandanschlag in der Westukraine involviert gewesen. Nach Informationen der "Zeit" ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin gegen Ochsenreiter.

"Revolutionäre Stimmung wie im Donbass"

Lenta kehrte zurück nach Frankreich und nahm inzwischen mehrfach an Protesten der "Gelbwesten" teil. Er ist nicht der einzige, der zuvor als Kämpfer im Donbass war, wie die "Huffington Post" in einem neuen Artikel und nach einem weitern Gespräch mit Lenta schrieb.

Erwähnt wird unter anderem Sergei Munier, der im Dezember auf Facebook ein Foto von sich vor dem Pariser Triumphbogen mit der Flagge der "Volksrepublik Donezk" gepostet hatte.

Ein selbsternanntes Sicherheitsteam begleitet die Proteste der "Gelbwesten"

Munier verglich in einem weiteren Facebook-Post die Stimmung bei den Protesten der "Gelbwesten" mit der "revolutionären Atmosphäre im Donbass im Frühjahr 2014". Es sei ein "Vorgeschmack der Freiheit."

Erwan Castel, der nach Angaben in seinem Blog noch im Donbass aktiv ist, hält es für einen "legitimen Sieg" der Bewegung für notwendig, "zuerst militärisch und nicht politisch" zu denken.

Le HuffPost @LeHuffPost
Comment un milicien du Donbass s'est retrouvé dans notre reportage sur le service d'ordre des gilets jaunes https://t.co/6L5iHOj5Ul

Lenta seinerseits sagte der "Huffington Post", dass die Bilder von den Barrikaden und den Menschen an den Straßenkreuzungen bei den ersten drei Protesttagen wie in der Ukraine ausgesehen hätten. Er fügt aber hinzu, dass die Gründe für den Aufstand in Frankreich ganz andere seien, abgesehen vom Misstrauen gegen die Europäische Union.

Pro-russische Positionen

Cécile Vaissié, Professorin für russische und sowjetische Studien an der Université Rennes 2, beobachtet seit längerem Verbindungen von Franzosen in den Donbass und nach Russland.

In Bezug auf Munier verweist sie auf ein Facebook-Foto, das diesen mit Xavier Moreau zeigt. Der ehemalige Militär gibt sich als Geopolitiker und betreibt in Moskau ein Sicherheitsunternehmen. In Bezug auf die Ukraine vertrete Moreau regelmäßig Positionen, die denen der russischen Führung entsprechen, sagte Vaissié im Interview mit tagesschau.de.

Lenta wiederum sehe sich nicht einfach als Rechtsextremer. Als Nicht-Intellektueller sei er eher anarchistisch, eurasisch und pro-russisch sowie gegen EU und NATO eingestellt.

Im zweiten Gespräch mit der "Huffington Post" wollte Lenta nicht mehr von einem regulären Ordnungsdienst bei den "Gelbwesten" sprechen, eher von einem Sicherheitsteam, an dem etwa 15 Militärs beteiligt seien. Aber er versicherte, dass er das einzige Mitglied seiner Organisation "Unité continentale" im Team sei.

Der Rechtsextremismus-Experte Jean-Yves Camus sieht in den "Gelbwesten"-Protesten eine günstige Gelegenheit für Ex-Militärs und Extremisten. "Sie haben eine Abscheu gegenüber dem System, sie wollen es stürzen. Sie engagieren sich seit langem ultrarechts und sie finden eine Gelegenheit, sich in Menschenansammlungen zu zeigen, die viel größere sind als jene Gruppen es sich jemals erträumen können, aus denen sie kommen", sagte Camus der "Huffington Post".

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