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Nachrichtenseite kopiert Falschmeldung zu belgischem Atomkraftwerk

Stand: 02.10.2018 14:16 Uhr

Unbekannte haben am Wochenende eine Falschmeldung zum belgischen Atomkraftwerk Tihange ins Netz gestellt und für Aufregung gesorgt. Sie nutzten dafür den Internetauftritt des belgischen Senders RTL Info.

Von Wolfgang Wichmann, ARD-faktenfinder

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Die pannenanfälligen belgischen Atomkraftwerke sind für Deutschland immer wieder Grund zur Sorge. Belgien hat sieben Atomreaktoren an zwei Standorten, Doel im Norden des Landes und Tihange im Osten nahe der deutschen Grenze. Erst Mitte September hatte die belgische Atomaufsicht im Reaktor Tihange 2 maroden Beton entdeckt worden - Tihange 3 ist derzeit gar nicht am Netz. Anti-Atomkraft-Initiativen in Deutschland fordern ein neues Gutachten zum Zustand der belgischen Atomkraftwerke.

Falschmeldung über Atomexplosion

Mitten in die angespannte Lage platzte am Wochenende eine vermeintliche Katastrophenmeldung: Eine belgische Website vermeldete im Layout des belgischen Senders RTL Info, im Atomkraftwerk Tihange habe es eine "atomare Explosion" gegeben. Unter der Überschrift mit dem Zusatz "Alarm" fand sich ein offenbar manipuliertes Foto einer Stadtsilhouette mit einem feurigen Atompilz. Dazu unter anderem ein vermeintlicher Aufruf der Behörden, die Häuser nicht mehr zu verlassen mit weiteren Details zu dem angeblichen Vorfall. Doch die Meldung war erfunden.

RTL Info veröffentlicht Dementi

Wie RTL Belgien mitteilte, reagierten dennoch mehrere Menschen auf diese Falschmeldung und riefen den Notruf. Andere Webseiten sprechen gar von "Panik, so dass viele Anwohner am Abend ihre Häuser verließen". Eine Bestätigung dafür gibt es von offizieller Seite aber nicht.

Das Krisenzentrum des belgischen Innenministeriums alarmierte den Sender und bat darum, die Zuschauer zu informieren, dass es einen solchen Vorfall am AKW Tihange nicht gegeben hat. Auch bei Twitter und in anderen sozialen Netzwerken wurde auf die Falschmeldung hingewiesen.

Der Sender veröffentlichte umgehend ein Dementi, das im Internet abrufbar ist. Dabei verwies RTL noch einmal auf die gültigen Webadressen, auf denen Infos von RTL Info abgerufen werden können: www.rtlinfo.be und rtl.be. Der Sender kündigte eine Untersuchung an. Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft Lüttich ermittelt. Inzwischen hat aber die nationale Behörde für Cybervergehen FCCU den Fall übernommen.

Falschmeldung auf falscher Internetadresse

Das in der Falschmeldung verwendete Foto hatten die Urheber offenbar im Internet gefunden und heruntergeladen. Es kursiert seit Jahren und wird gerne genutzt, um potenziell bevorstehende Kriegsszenarien zu illustrieren.

Eine Illustration aus dem Netz, die für die Falschmeldung zum AKW Tihange genutzt wurde.

Besonders perfide aber war die Veröffentlichung der Falschmeldung auf einer Webseite, die nicht zu RTL gehört - sich aber von deren Webseite kaum unterscheidet. Denn die Falschmeldung wurde auf der Website mit dem Namen www.rtl-info.be bereitgestellt - für Nutzer kaum zu unterscheiden von den echten RTL-Webseiten - ohne Bindestrich.

Kopieren einer Webseite technisch unproblematisch

Technisch ist so ein Vorgehen relativ einfach, wie der ARD-faktenfinder auf Anfrage erfuhr - und auch auch ohne viel technisches Knowhow möglich. Wie ein Internetexperte erklärte, müssen die meisten Dateien, die für die Darstellung einer Website nötig sind, für jeden erreichbar und damit auch downloadbar sein, um eine Seite anzeigen zu lassen.

Jeder kann sich diese Dateien mit entsprechenden Tools downloaden und sie selbst im Netz anbieten - also hosten.

Je nachdem wie versiert ein Täter sei, könnten zudem weitere Links angepasst und Veränderungen vorgenommen werden. Eine Unterscheidung sei dann kaum noch möglich: "Das wichtigste Erkennungsmerkmal ist die URL."

Who-is-Abfrage der Domain ohne Ergebnis

Unklar ist bislang, wer hinter der Falschmeldung zum AKW Tihange steckt. Bis zum Inkrafttreten der Europäischen Datenschutzgrundverordnung gab es generell die Möglichkeit, Informationen über Webseitenbetreiber über eine sogenannte Who-is-Abfrage einzuholen. Doch inzwischen werden personalisierte Angaben über Webseitenbetreiber nicht mehr hinterlegt. Eine Abfrage für die Webseite www.rtl-info.be bei der zuständigen Einrichtung DNS Belgien ergab lediglich, dass diese im Mai zuletzt neu registriert worden war und inzwischen offline gestellt wurde. Details zum Seitenbetreiber werden nicht gennant.

Im Internetarchiv, der sogenannten Wayback-Machine, können - sofern vorhanden - frühere Varianten einer Webseite abgerufen werden. Für www.rtl-info.be finden sich Versionen aus den Jahren 2010 bis 2014. Damals war die Seite zwar aktiv, enthielt aber keine sinnvollen Inhalte sondern Werbung zum Erwerb der Domain oder diverse Linkangebote. Eine Version mit der Falschmeldung vom Wochenende findet sich im Internetarchiv nicht.

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