Erfundene Plünderer in Houston | Bildquelle: AFP

Tropensturm Harvey Die erfundenen Plünderer von Houston

Stand: 30.08.2017 15:10 Uhr

Während bislang nur wenige Fälle von Plünderungen in Texas bekannt sind, prahlen im Netz angebliche Diebe mit ihren Taten. Dahinter stehen Fake-Profile, die offenbar angelegt wurden, um junge Schwarze zu diskreditieren.

Von Kristin Becker, SWR

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Kristin Becker, SWR

Unsere Nachricht überrascht Alex Darboe kurz nach dem Aufstehen - wir haben ihn über Facebook kontaktiert, weil sein Name seit einigen Stunden im Netz als der eines vermeintlichen Straftäters kursiert. Ein Twitter-Nutzer hat ihn über das Netzwerk bei der Polizei beschuldigt, in Houston geplündert zu haben.

Alex Darboe ist allerdings in Knoxville, Tennessee, Hunderte Kilometer entfernt von Texas. Er war noch kein einziges Mal in seinem Leben dort. Mit dem Auto bräuchte man dreizehn Stunden. Darboe reagiert schockiert und ratlos. Als er unsere Nachricht liest, ruft er sofort an. Der 29-jährige ist Immobilienmakler und vor sieben Jahren aus Gambia in die USA immigriert. Neben der Arbeit studiert er Kommunikationswissenschaften. Alex Darboe ist ein Mann klarer Worte, der sich gegen Rassismus engagiert. Aber auch gegen einseitige Vorverurteilungen von Polizisten in den USA. Deshalb hat er vor einigen Monaten auf Facebook einen Text über einen hilfsbereiten Polizisten gepostet. Dieser Text wurde in einem Online-Magazin aufgenommen, dort findet sich auch ein Foto von ihm.

Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass Darboe jetzt im Netz als angeblicher Dieb erscheint - weil sein Foto für einen gefakten Twitter-Account benutzt wurde. Auf das Profil wurden Bilder von vermeintlich gestohlenen Smartphones gestellt - zusammen mit slangartigen Kommentaren und dem Hashtag #HarveyLootCrew.

Screenshot: Twitteruser beschuldigt Alex Darboe

Screenshot: gefaktes Profil mit dem Foto von Darboe

#HarveyLootCrew

Es scheint eine marodierende Bande zu sein, die unter dem Namen "HarveyLootCrew" (Harvey-Plünder-Mannschaft) im Katastrophengebiet unterwegs ist. "Gruppen von Abschaum, die sich selbst #HarveyLootCrew nennen, plündern Häuser und Geschäfte in Houston", schreibt eine Twitter-Nutzerin.

Allerdings zieht die Bande nicht durch Houston, sondern durchs Netz. Wahlweise auch unter dem Stichwort #HoustonLootGroup.

Screenshot

Einer ihrer vermeintlichen Anführer: "Jamaal Williams" alias "Mr Ceo Double07", der unter dem Twitteraccount @RUthlessFCB mit seinen Beutezügen angab - der Account ist inzwischen deaktiviert. Auf archivierten Seiten und Screenshots, die im Netz kursieren, ist unter anderem zu lesen: "Wir sind hier draußen und plündern in weißen Vierteln". Dazu das Bild zweier mit einem Halstuch vermummten jungen Männern. Einer davor mit einer vermeintlich teuren Uhr, der andere mit zwei Pistolen in der Hand.

Auf dem Account findet sich zudem der Aufruf: "Meine schwarzen Kameraden, bitte plündert nur weiße Geschäfte und Trump-Unterstützer in Texas."

Alte Bilder, neue Tweets

Screenshot

Ohne sie auf Echtheit zu prüfen, werden die Behauptungen von @RUthlessFCB von vielen Twitternutzern verbreitet, vor allem aus dem konservativen oder rechten Spektrum. Auch die britische Boulevardzeitung Metro berichtet über die angebliche Bande.

Allerdings sind viele der Bilder, mit denen @RUthlessFCB angeblich seine Taten dokumentiert, alt. So zum Beispiel ein Foto, das eine Pistole in einer Hosentasche zeigt. Das Bild kursierte bereits 2015 im Kontext einer Bombendrohung gegen einen kanadischen Flughafen, die über Twitter verbreitet wurde.

Ähnliches gilt für ein Video, das Plünderungen in Houston belegen soll und mit dem Hinweis versehen ist, diese würden rassistischen Trump-Unterstützern gelten. Es wurde allerdings im September 2016 in Charlotte in North Carolina aufgenommen und zeigt, wie Randalierer versuchen, in einen Supermarkt einzudringen. Hintergrund waren Ausschreitungen, nachdem die Polizei einen schwarzen Mann erschossen hatte. Mit der Situation in Houston haben diese Bilder jedoch nichts zu tun.

Screenshot

Im Netz finden sich weitere Fake-Profile von jungen Schwarzen, die unter #HarveyLootCrew offen von vermeintlichen Plünderungen schreiben und Fotos ihrer angeblichen Beute posten. Der Sprachduktus der meisten dieser Nachrichten ist in übertriebener Slangform, oft im Stil US-amerikanischer Gangsterrapper.

Dass es sich dabei um rassistisch motivierte Fälschungen handelt, legt auch der Umstand nahe, dass es immer wieder solche Hashtags vermeintlicher Plünderergangs gegeben hat. Nach dem Hurrikan Sandy 2012 gab es #SandyLootCrew, nach den Ausschreitungen in Baltimore und Ferguson #BaltimoreLootCrew und #FergusonLootCrew. Dabei wurden zumeist alte Fotos in den falschen Kontext gestellt, offensichtliches Ziel: Hetze gegen Afroamerikaner.

Falsche Zuordnungen

Auch im Fall von #HarveyLootCrew werden neben den gefälschten Profilen von Nutzern Fotos verbreitet, die Schwarze auf Diebestour in Houston zeigen sollen. Beispielhaft ist das Bild eines Mannes, der im Wasser stehend einen Eimer voller Bierflaschen vor sich her schiebt.

Das Bild wurden allerdings bereits 2005 gemacht und zwar in New Orleans, in den Nachwehen von Wirbelsturm Katrina. Tatsächlich wurde damals im größeren Stil geplündert. Jedoch waren die Berichte darüber nach Ansicht des damals zuständigen Katastrophenhilfekoordinators und Armeegenerals Russel L. Honoré übertrieben. In einem Interview mit dem britischen Guardian erklärte Honoré, dass viele Außenstehende Diebstahl und Überlebensstrategien verwechselt hätten. Auch wenn sich solche Bilder in den Medien festgesetzt hätten, sei es in den wenigsten Fällen darum gegangen, Fernseher oder Kleidung zu stehlen. Die meisten Menschen hätten nach essentiellen Dingen wie Nahrung, Wasser, Medizin oder Windeln gesucht.

Mit Fakes Hass schüren

In Houston wurde bisher verhältnismäßig wenig geplündert. 14 Menschen wurden laut Polizeiangaben bislang festgenommen. Nachts gilt eine Ausgangssperre. Trotzdem verbreiten sich die Falschmeldungen über die "HarveyLootCrew". Die Reaktionen auf die angeblichen Tweets und Fotos der vermeintlichen Plünderer: Wut und Gewaltandrohungen. Ganz offensichtlich soll mit den Falschinformationen Hass geschürt werden.

Alex Darboe will sich an die Polizei und an Twitter wenden. Noch ist das Fake-Profil online, allerdings wurde inzwischen das Bild ausgetauscht. Nun sieht man dort nicht mehr Darboe, sondern das Gesicht eines anderen schwarzen Mannes - das des kalifornischen Rappers Tyler, the Creator.

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