Retter an der Grundschule "Enrique Rebsamen" in Mexiko-Stadt.  | Bildquelle: REUTERS

Rettungsarbeiten in Mexiko Das Mädchen, das es nicht gibt

Stand: 22.09.2017 12:32 Uhr

Nach dem Beben in Mexiko wurde die Suche nach einem Mädchen zu einem Symbol der Hoffnung: "Frida Sofia" war angeblich in ihrer Schule verschüttet worden. TV-Sender berichteten stundenlang live, auch im Netz fieberten Menschen mit. Doch das Mädchen gibt es nicht.

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Ein 12-Jähriges Mädchen mit dem Namen "Frida Sofia" - vermeintlich verschüttet in der Schule "Enrique Rebsamen" in Mexiko-Stadt. Nach dem schweren Erdbeben wurde sie zum einem Symbol für die Hoffnung, auch Tage nach dem Beben noch Menschen lebend bergen zu können. Doch das Mädchen existiert gar nicht.

Stundenlang berichteten Fernsehsender live von der Schule, zeigten die Retter bei ihrem unermüdlichen Einsatz. Millionen Menschen in Mexiko und weltweit sorgten sich um das Mädchen und vermeintlich weitere verschüttete Kinder. Am frühen Freitagmorgen teilte die mexikanische Marine, die die Rettungsarbeiten an der Schule koordiniert, mit: Das Mädchen habe nie existiert. Den Angaben zufolge wurde in der Schule statt des Mädchens noch eine erwachsene Frau vermisst. Sie könnte sich noch in den Trümmern befinden. Bisher wurden aus dem Gebäude 19 tote Kinder und sechs tote Erwachsene geborgen, elf Menschen konnten lebend gerettet werden.

TV-Sender berichteten stundenlang live

Zuvor hatten Fernsehbilder, die angeblich eine Fingerbewegung des Kindes zeigten, Tausenden Helfern Mut gemacht. Auch Retter berichteten davon, die Fingerbewegung gesehen zu haben. TV-Sender in Mexiko berichteten rund um die Uhr. Rettungskräfte und Marinsoldaten wurden interviewt. Immer wieder war bei Helfern von dem angeblich zwölf Jahre alten Mädchen die Rede. Immer neue Informationen und stetig neue Aussagen von Helfern an der Unglücksstelle befeuerten die Geschichte. Retter wollten Stimmen gehört haben und berichteten Reportern vor Ort: Das Mädchen sei in einem Hohlraum eingeschlossen und nenne sich "Frida Sofía", hieß es. Dann war die Rede davon, dass dort noch drei oder fünf weitere Kinder mit eingeschlossen sein könnten.

Der Marine-Admiral José Luis Vergara, verantwortlich für die Arbeiten vor Ort, sagte: "Es gibt ein Mädchen im zweiten Stock des eingestürzten Gebäudes". Auch die Tagesschau berichtete gestern über das Schicksal des Mädchens: Helfer versuchten zu verschütteten Kindern vorzudringen - zu einem Mädchen habe man Kontakt aufnehmen können. Rodolfo Ruvalcana, Retter vor Ort, erklärte einem Reporter: "Sie sagte mir ihren Namen: Frida. Sie sagte uns, bei ihr wären zwei weitere Kinder."

Unterstützung in den sozialen Medien

In den sozialen Medien veröffentlichen Nutzer aufmunternde Worte für das Mädchen und die Helfer. "Wir sind alle bei Dir" lautete ein Beitrag auf Twitter. Ein anderer User twitterte: "Wird sind bei Dir. Viel Kraft für Frida Sofia und alle anderen Menschen unter den Trümmern."

Auch bei Facebook fieberten die Menschen mit "Frida Sofia": "32 Stunden unter den Trümmern und noch immer am Leben. Eine echte Kämpferin" war da zu lesen.

Militär dementiert, Medien entschuldigen sich

Schließlich rief Bildungsminister Aurelio Nuño die Eltern von Schülern der "Rebsamen"-Schule auf, sich zu melden. Denn bis dahin hatte niemand ein Mädchen mit dem Namen "Frida Sofia" als vermisst gemeldet. Als klar wurde, dass das Mädchen nicht existiert, wurde die Öffentlichkeit informiert.

"Wir glauben nicht, wir wissen, dass das nicht die Realität war", sagte Admiral Ángel Enrique Sarmiento. "Wir haben eine Zählung zusammen mit der Schulleitung gemacht und haben Gewissheit." Es sei eine Kamera in die Trümmer Schule herabgelassen worden. Die Bilder zeigten Blutspuren, die offenbar von einer Person stammten, die sich verletzt über den Boden gezogen hatte. Mehr wurde jedoch nicht gefunden. Woher die Meldung über das vermeintlich verschüttete Mädchen stammte, sagte Sarmiento nicht.

Der TV-Sender Televisa, der live berichtete hatte, bat seine Zuseher um Entschuldigung. Als Erklärung teilte der Sender mit: "Die Informationen, die wir veröffentlicht haben, basierten auf den offiziellen Quellen." Noch ist offen, wer die Geschichte des Mädchens zuerst in die Welt gesetzt hatte.

Wut auf TV-Sender und die Politik

In den sozialen Medien kippte die Stimmung schnell: Von einer gemeinsamen Hoffnung für "Frida Sofia" gegen die Medien, gegen die Politik und insbesondere gegen Staatspräsident Enrique Peña Nieto, dessen Politik nur noch von rund 20 Prozent der Bürger gutgeheißen wird: "'Frida Sofia' war eine Erfindung Nietos", meinten Nutzer. Der Vorwurf: Die Geschichte des Mädchens sei gezielt platziert worden, um den Umgang mit der Katastrophe aus dem Fokus der Öffentlichkeit zu nehmen. Belege für die Behauptung gibt es nicht.

Noch ist unklar, ob die Falschaussagen und Berichterstattung über das Mädchen andere Rettungsmaßnahmen vor Ort behindert haben. Klar ist, dass zusätzliche Rettungsgeräte und Helfer zu der Schule gebracht wurden, um "Frida Sofia" aus den Trümmern zu befreien.

Über dieses Thema berichteten am 22. September 2017 das ARD-Morgenmagazin ab 06:41 Uhr und Deutschlandfunk um 08:00 Uhr in den Nachrichten.

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