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Verschwörungstheorie um Las Vegas Die angeblichen Krisenschauspieler

Stand: 04.10.2017 16:46 Uhr

Sie seien keine Opfer und Augenzeugen - sondern Schauspieler. Das unterstellen Verschwörungstheoretiker Menschen, die die Attacke in Las Vegas miterlebt haben. Für sie sind Taten wie diese politische Inszenierungen. Ihre kruden Behauptungen verbreiten sie im Netz.

Von Kristin Becker, SWR

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Kristin Becker, SWR

Taten wie das Massaker von Las Vegas sind fruchtbarer Boden für Fake News, in deren Windschatten auch Verschwörungstheorien blühen. Ein wiederkehrendes Motiv dabei: "crisis actors" ("Krisenschauspieler"). Tatsächlich werden bei Katastrophenschutzübungen von Polizei und Feuerwehr Verletztendarsteller eingesetzt, also Freiwillige, die Opfer mimen. Verschwörungstheoretiker aber behaupten, dass es auch Akteure gibt, die angeblich von einer Regierung oder politischen Gruppierungen engagiert werden, um in einer echten Krise Opfer, Augenzeugen oder Hilfskräfte zu spielen. Suggeriert wird, dass die ganze Situation inszeniert wurde, um einen bestimmten Zweck zu erreichen.

Vermeintliche Beweise

Besonders oft kommen solche Unterstellungen bei Amokläufen oder Attentaten vor. Wie derzeit im Fall von Las Vegas. Grundlage sind Originalaufnahmen, die von Verschwörungstheoretikern mit Bezug auf angebliche Ungereimtheiten "geprüft" werden. Im Mittelpunkt steht die Identifikation von Menschen, denen sie Schauspielerei unterstellen.

Beispielhaft ist ein Video des US-Fernsehsenders ABC, das einen Augenzeugen zeigt, der darüber berichtet, was er erlebt hat. Für Verschwörungstheoretiker ist er ein Darsteller. Der vermeintliche Beweis: der Mann steht nicht zum ersten Mal vor einer Kamera. Der Jurist ist wiederholt als Experte im Fernsehen aufgetreten, wie auf seiner Facebookseite und seiner Homepage nachzulesen ist. Das macht ihn in den Augen eines Internetnutzers unglaubwürdig, der die Originalaufnahmen mit Kommentaren versehen auf YouTube gestellt hat. Das Video wurde bereits mehr als 100.000 Mal aufgerufen und vielfach in den sozialen Netzwerken geteilt.

YouTube-Video, das angeblich einen Krisenschauspieler "entlarvt".

Falsche Interpretationen

Absichtlich fehlinterpretiert werden auch Live-Interviews, die der ABC-Reporter Matt Gutman mit einem weiteren Augenzeugen geführt hat. ABC hat Ausschnitte davon auf Twitter gestellt. Das erste Video zeigt den Mann mit freiem Oberkörper. Er hatte, wie er berichtet, einem sterbendem Opfer geholfen und vermutlich deshalb sein verschmutztes T-Shirt ausgezogen, als Gutman ihn traf. Ein späteres Video zeigt ihn mit einem Pullover. Diesen hatte ihm jemand in der Zwischenzeit gekauft, wie Gutman dem ARD-faktenfinder sagte.

Für Verschwörungstheoretiker aber ist der Bekleidungswechsel ein klares Indiz für Fiktion. Ein Nutzer hat die Interviewteile in umgekehrter Reihenfolge aneinander geschnitten. Montage und Text des Tweets suggerieren, dass das Gespräch inszeniert wurde und der Reporter den Mann gedrängt hat, sein Shirt auszuziehen, um den dramatischen Effekt zu erhöhen.

Wiederkehrendes Phänomen

Dass Opfern, Augenzeugen und Helfern, die im Fernsehen zu sehen sind, Schauspielerei unterstellt wird, ist ein Phänomen, das im Internet schon länger zu beobachten ist. Verbreitet werden solche Behauptungen besonders oft, wenn es um Fälle geht, die mit Waffengewalt in den USA zu tun haben. So auch der Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule 2012.

Als "crisis actor" geschmäht wurde in diesem Fall unter anderem der Rentner Gene Rosen, der sechs Schüler unmittelbar nach dem Massaker betreute. In Fernsehinterviews berichtete er sehr bewegt von seinem Erlebnis - für Verschwörungstheoretiker die Basis, ihn als Lügner zu diffamieren. Rosen wurde massiv über Telefon und Internet belästigt, persönliche Daten wurden im Netz veröffentlicht, sein Lebenslauf in Frage gestellt. Zudem gibt es verschiedene Videos, die auf Basis von zusammengeschnittenen Interviews behaupten, dass Rosen Schauspieler sei.

YouTube-Video, das Gene Rosen unterstellt, Schauspieler zu sein.

Auch im Kontext von Las Vegas werden diese Unterstellungen wieder hervorgezerrt. Auf Twitter wird behauptet, Attentäter Stephen Paddock und Rosen seien dieselbe Person - sprich derselbe "Krisendarsteller" - aufgrund einer vermeintlichen äußerlichen Ähnlichkeit.

Ähnlichkeit als "Argument"

Es sind solche physischen Vergleiche, auf denen die Verschwörungstheoretiker ihre Spekulationen gründen. Sie behaupten, bestimmte Akteure tauchten immer wieder bei Massakern und Attentaten auf - etwa eine Frau, die sie sowohl bei den Amokläufen von Aurora und Sandy Hook als auch den Anschlägen in Boston und Paris entdeckt haben wollen. Außer dem Fakt, dass auf den vermeintlichen Beweisbildern jeweils eine verzweifelte, junge Frau mit langen dunklen Haaren zu sehen ist, gibt es aber keine Übereinstimmung. Es handelt sich um unterschiedliche Personen, wie Journalisten nachgewiesen haben.

Foto-Collage, die im Netz verbreitet wird.

Das Perfide am Vorgehen der "crisis actor"-Verfechter: Sie stellen Menschen, die in einer Situation aufgenommen wurden, die sie mit schlimmen Erlebnissen verbinden, in ganz anderen Kontexten dar. Für die Betroffenen ist es schmerzhaft, wieder und wieder so im Netz präsentiert zu werden, wie Carlee Soto berichtet hat. Sie ist die Schwester eines Mädchens, das beim Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule getötet wurde, und wurde wie Rosen wiederholt vorgeführt.

Neben den Aussehensvergleichen argumentieren die Verschwörungstheoretiker zudem mit angeblichen Ungereimtheiten, in dem, was einer Interviewter erzählt oder mit vermeintlich unangebrachtem Verhalten - etwa Lächeln in einer Krisensituation. Dass Menschen, die gerade Schlimmes erlebt haben, sich unter Umständen anders als erwartet verhalten, wird ausgeblendet.

Mögliches Motiv: Streit um Waffengesetze

Auffällig oft werden entsprechende Behauptungen von Nutzern verbreitet, die sich auf ihren Profilen als Unterstützer von US-Präsident Trump, Waffenliebhaber oder rechtslastige Kommentatoren zeigen. Sie haben zumeist auch eine "Erklärung", warum das Massaker in Las Vegas oder auch der Sandy-Hook-Amoklauf von "Krisenschauspielern" gestellt wurden: um den US-Amerikanern ihre Waffen "wegzunehmen". Das Stichwort "gun control" wird häufig zusammen mit "crisis actor" gebraucht. Nach Meinung dieser Verschwörungstheoretiker werden solche Taten auf Betreiben linker bzw. liberaler Politiker (etwa Ex-Präsident Obama) oder Interessensgruppen inszeniert, um eine politische Agenda zu pushen, nämlich die deutlich strengeren Waffengesetze.

Das im Netz verbreitete Narrativ der "Krisenschauspieler" dient dementsprechend dazu, Verwirrung zu stiften und Versuche zu diskreditieren, sich kritisch mit der grassierenden Waffengewalt in den USA auseinanderzusetzen. Besonders deutlich wird dies im Fall eines Nutzers, der sein Twitterkonto erst vor Kurzem eröffnet hat - offenbar vor allem, um prominente Politiker mit Verschwörungsbehauptungen zu bombardieren. Im Fall von Las Vegas setzte er mehr als ein Dutzend ähnlich lautetende Tweets ab, die "another fake, staged shooting", "gun control" und "crisis actor" kombinieren. Gerichtet sind die Tweets u.a. an Politiker, die sich für schärfere Waffengesetze engagieren wie die demokratischen Senatorinnen Dianne Feinstein und Tammy Duckworth.

Die gleichen Tweets an verschiedene Politiker.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Oktober 2017 um 23:00 Uhr in den Nachrichten.

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