Verletzte nach mutmaßlichem Chlorgasangriff im syrischen Ort Sarakeb.  | Bildquelle: AFP

Chronologie Chlorgasangriffe in Syrien

Stand: 05.02.2018 17:33 Uhr

Der Giftgasangriff von Chan Scheichun ist vielen in Erinnerung geblieben. Damals wurde Sarin freigesetzt, sind sich Experten sicher. Nun gibt es neue Berichte zu Giftgasattacken in Syrien. Seit Jahresbeginn gab es mindestens fünf Vorfälle mit Chlorgas. Die USA sehen Syrien und Russland in der Verantwortung. Eine Chronologie seit Jahresbeginn.

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

13. Januar:

In Duma werden sechs Menschen mit Erstickungsanfällen ins Krankenhaus eingeliefert. Augenzeugen zufolge waren zuvor drei Boden-Boden-Raketen auf die Region abgefeuert worden. Andere Augenzeugen sprachen von "acht Bomben". Der Geruch von Chlorgas sei in der gesamten Stadt zu riechen gewesen.

Untersucht wurde der Vorfall durch die Organisation "Syrians For Truth and Justice". Der Bericht ist online abrufbar.

"Syrians For Truth and Justice"

"Syrians For Truth and Justice" ist eigenen Angaben zufolge eine unabhängige Nicht-Regierungsorganisation mit dem Ziel, ein gerechtes Land für alle syrischen Bürger gleichermaßen umzusetzen. Die Gruppierung will sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen und Verbrechen in Syrien dokumentieren.

22. Januar:

In Idlib in der gleichnamigen nördlichen Provinz werden Helfern zufolge vier Patienten mit Chlorgas-typischen Symptomen in ein Krankenhaus eingeliefert.

22. Januar:

In Duma in der Nähe der Hauptstadt Damaskus in der Region Ost-Ghuta werden Angaben von Hilfsorganisationen und Aufständischen zufolge nach einem mutmaßlichen Chlorgasangriff mindestens 13 Menschen mit Erstickungsanfällen behandelt. Die syrisch-amerikanische Ärzteorganisation SAMS spricht von 21 Verletzten, darunter sechs Frauen und sechs Kinder.

Der Twitter-Kanal "Azm_Lens" veröffentlicht ein Foto der mutmaßlich eingesetzten Waffe:

23. Januar:

Bei einer Konferenz zur Ächtung von Chemiewaffen in Paris betonen die USA die Verbindung Russlands zu den jüngsten Giftgas-Angriffen in Syrien: Als engster Verbündeter der syrischen Regierung trage Russland die Verantwortung, sagte US-Außenminister Rex Tillerson:

Russland trägt letztlich die Verantwortung für die Opfer in Ost-Ghouta und für zahlreiche andere Syrer, die mit Chemiewaffen angegriffen wurden.

Tillerson äußerte sich besorgt, dass die Regierung in Damaskus ihre Giftgasangriffe fortsetze und Moskau dies dulde - obwohl Russland im Jahr 2013 als Garant für die Vernichtung der syrischen Chemiewaffen eingetreten sei.

Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensia weist die Vorwürfe Tillersons im UN-Sicherheitsrat zurück. Er bezeichnete es als "sonderbar", dass die "unbestätigten" Informationen über die angebliche Attacke in Ost-Ghuta ausgerechnet vor der Konferenz in Paris bekannt geworden seien.

US-Außenminister Tillerson sieht Russland in der Verantwortung für Syriens militärisches Vorgehen.

Russlands Botschafter bei den UN, Nebensia, wies die Vorwürfe aus den USA zurück. (Archivbild)

1. Februar:

In einem Krankenhaus im Osten von Ghouta - unweit der Hauptstadt Damaskus - werden laut Bericht der syrisch-amerikanischen Ärzteorganisation SAMS drei Patienten mit Erstickungsanfall eingeliefert. Die festgestellten Symptome wie Atemnot, trockener Husten und Brechreiz decken sich mit den typischen Folgen eines Chlorgasangriffs. Augenzeugen zufolge waren drei Raketen mit Chlorgas auf einen Vorort der Stadt Duma abgefeuert worden.

2. Februar:

US-Verteidigungsminister James Mattis warnt die syrische Regierung davor, erneut Chemiewaffen einzusetzen. Seiner Einschätzung nach setzte das syrische Regime in der Vergangenheit mehrfach Chlorgas gegen die eigene Bevölkerung ein. Doch die USA seien noch besorgter darüber, dass der Kampstoff Sarin eingesetzt werden könnte.

Seine Regierung halte Berichte von Rebellen und Menschenrechtsgruppen über einen Einsatz des geächteten Giftgases Sarin für plausibel und bemühe sich nun um Beweise dafür.

Er warnte Syrien vor einem neuerlichen Verstoß gegen das internationale Chemiewaffenverbot: Damit wäre die Regierung in Damaskus "schlecht beraten". "Sie haben alle gesehen, wie wir in der Vergangenheit darauf reagiert haben", sagte Mattis und bezog sich damit auf den Einsatz von US-Marschflugkörpern gegen einen syrischen Militärflughafen. Zuvor waren im April 2017 in Chan Scheichun durch Giftgas mehr als 80 Menschen getötet worden.

Chlorgas als chemisches Kampfmittel

Chlor ist bei Raumtemperatur ein gelbgrünes Gas - und ein Lungenkampfstoff: Über die Haut, Schleimhäute und Augen aufgenommen, führt Chlorgas zu massiven Reizungen. Der Wirkstoff führt je nach Konzentration zu Hustenreiz, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerz. Es besteht eine erhöhte Infarktgefahr. In höheren Konzentrationen kann das Gas beim Einatmen auch tödlich sein.

Betroffene Personen sollten sofort mit frischer Luft versorgt werden. Entsprechende Medikamente können mit Sauerstoff eingeatmet werden, um Schädigungen der Lunge, beispielsweise einem Lungenödem, vorzubeugen. Verunreinigte Kleidung ist abzulegen und kontaminierte Haut sollte sofort gründlich gereinigt werden - zur Not mir Wasser und Seife.

4. Februar:

In dem von Rebellen gehaltenen Ort Sarakeb in der nördlichen Provinz Idlib werden mindestens zwölf Menschen verletzt, nachdem sie Chlorgas eingeatmet haben. Wie eine Recherche von STJ und Bellingcat ergab, waren Augenzeugen zufolge von einem Hubschrauber zwei Fassbomben auf den Ort abgeworfen worden. Die Gruppe "Syrisches Netzwerk für Menschenrechte" veröffentlichte inzwischen einen Bericht, der unter anderem die beiden mutmaßlich abgeworfenen Chlorgas-Behälter auf einem Foto dokumentiert. Eine unabhängige Bestätigung für die Angaben gibt es nicht.

Syrien war nach einem Giftgasangriff 2013 unter starkem internationalem Druck der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) beigetreten und hatte der Vernichtung seiner Chemiewaffen zugestimmt. Bis jetzt ist aber unklar, ob Syrien tatsächlich alle Bestände zerstören ließ. Chlorgas fällt nicht unter das Verbot, da es auch für zivile Zwecke eingesetzt werden kann.

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