Einsatzkräfte versorgen die Verletzten. | Bildquelle: AP

Falschmeldung zu Charlottesville Rechte jagten den Falschen

Stand: 13.08.2017 20:19 Uhr

Der mutmaßliche Täter der Auto-Attacke in Charlottesville sitzt in Haft. Rechte Aktivisten verdächtigten jedoch zunächst einen anderen jungen Mann, der deshalb Todesdrohungen bekam. Auslöser der Menschenjagd im Netz: das Nummernschild.

Kristin Becker, SWR

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Kristin Becker, SWR

"Radikaler linker Antifa festgenommen." Und: "Auto-Terrorist ist ein Anti-Trump-Druggie." Es waren Meldungen wie diese, mit denen kurz nach dem Anschlag ein Unschuldiger im Internet zum mutmaßlichen Attentäter gemacht wurde. Auf Websites und in den sozialen Medien verbreiteten Nutzer den Namen und das Foto eines jungen Mannes aus Michigan, den sie beschuldigten, der Täter von Charlottesville zu sein. Prominent dabei: Aktivisten und Kommentatoren, die der Alt-Right-Bewegung nahe stehen; unter ihnen der Youtuber Gavin McInnes, der Publizist Jim Hoft sowie der republikanische Kongresskandidat Paul Nehlen. Alle verfügen über eine große Anhängerschaft in den sozialen Medien.

Richtigstellung? Fehlanzeige!

Auf seinem Blog "Gateway Pundit" veröffentlichte Hoft den Namen mit dem Hinweis, dieser sei ein "Anti-Trump-Demonstrant", der die falsche Gruppe angefahren hätte. McInnes twitterte einen Screenshot vom Facebook-Account des Beschuldigten. Dazu schrieb er: "Sieht aus, als wäre der Auto-Terrorist ein Linker, der dachte, er würde Rassisten umpflügen." Den Tweet löschte er später unkommentiert. McInnes retweetete danach Informationen über den schließlich von der Polizei benannten, tatsächlichen mutmaßlichen Fahrer, der aus Ohio stammt. Eine Richtigstellung des ursprünglichen Tweets sucht man allerdings vergeblich. Bei Nehlen findet sich der Originaltweet noch auf seinem Profil - ergänzt um aktualisierte Berichte, aber ebenfalls nicht persönlich kommentiert.

Verbreitet wurde die Meldung prominent auch über Onlinemedien wie "State of the Nation", das sich als Portal für "alternative Nachrichten" präsentiert und Verschwörungstheorien propagiert, und "GotNews". Diese Seite wird vom Blogger Charles C. Johnson betrieben, der immer wieder mit falscher Berichterstattung aufgefallen ist. Er gilt als Alt-Right-Aktivist und steht zudem hinter "Wesearchr" - einer Art Crowdfunding-Platform, auf der überwiegend für Projekte und Aktionen aus dem rechten Spektrum Geld gesammelt wird, so zum Beispiel für "Defend Europe" der Identitären Bewegung. "GotNews" veröffentlichte zahlreiche Facebook-Posts des jungen Mannes, um seine vermeintliche Täterschaft zu belegen. Der Artikel wurde inzwischen gelöscht.

Fragwürdige Recherche

Grundlage aller Anschuldigungen war das Nummernschild des Autos aus Ohio, das in Charlottesville in die Menge raste und eine Frau tötete. Es war deutlich erkennbar auf Videos und Fotos des Vorfalls, die weithin im Netz geteilt wurden. Daraufhin begann die Menschenjagd im Internet.

In den USA gibt es spezielle Portale, bei denen man gegen Geld nach Informationen über beispielsweise ein Nummernschild suchen kann. Auf diese Weise fanden die Blogger den vermeintlichen Halter des Autos.

Vollzieht man die Suche nach, taucht tatsächlich nur ein Name auf. Allerdings gehört diesem Mann das Fahrzeug gar nicht mehr, wie sich herausstellte, als später ein Auszug aus dem aktuellen Register der Zulassungstelle von Ohio bekannt wurde. Das Problem: die Website suggeriert eine umfassende Auflistung. Lediglich im Kleingedruckten steht, dass die Datensammlung keineswegs vollständig oder auch nur richtig sein muss.

Auf der fragwürdigen Basis dieser Daten führten weitere Web-Suchen zu dem 20-Jährigen aus Michigan. Sein Problem: Er trägt den selben Namen wie der ehemalige Halter des Tatautos und ist offenbar dessen Sohn. Auf seinem öffentlich zugänglichen Facebookprofil fanden die Hobbyermittler zudem das Foto eines Autos, das aussieht wie das Fahrzeug aus Charlottesville. Das Bild war versehen mit dem Kommentar: "Mein Auto, wenn ich 16 werde." Der Eintrag stammte aus dem Jahr 2011.

Letztes Indiz und vermutlich der Grund, warum sich rechtsgerichtete User so massiv auf den jungen Mann einschossen: Seine Facebook-Seite enthielt politische Äußerungen, die gegen Donald Trump und gegen Nationalismus gerichtet waren.

Todesdrohungen

Der im Netz an den Pranger gestellte Mann widersprach den Tat-Anschuldigungen auf Facebook mit dem Hinweis, er fahre einen ganz anderen Autotyp und sei außerdem aus Michigan, nicht aus Ohio.

Dort nachzulesen ist zudem ein Statement seiner Schwester, die schreibt, ihr Bruder sei nicht der Täter und schon gar nicht in Charlottesville gewesen, sondern zusammen mit Freunden und Familie auf einer Hochzeit in Michigan. Ihr Vater habe früher einen solches Auto besessen, dieses aber schon lange verkauft. Sie ergänzte, ihr Bruder bekomme Todesdrohungen.

Die Falschmeldung hatte sich da allerdings schon massenhaft verbreitet und ist weiterhin an vielen Stellen im Netz zu finden. Auch wenn einige Nutzer unermüdlich dagegen anschreiben - wie etwa der Journalist Brendan Keefe, der in Handarbeit viele Tweets mit der richtigen Information versehen hat.

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