Hinter verschlossenen Toren tagen die "Bilderberger" im US-Bundesstaat Virginia | Bildquelle: AFP

Bilderberg-Konferenz Der Mythos von der geheimen Weltregierung

Stand: 04.06.2017 21:02 Uhr

Im US-Bundesstaat Virginia tagt die Bilderberg-Konferenz. Seit Jahren gibt es um das Treffen wilde Verschwörungstheorien. Ein Grund ist Intransparenz rund um die Konferenz, die einstmals als "vornehmer Debattierklub" galt.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

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Silvia Stöber, tagesschau.de

Sie scheint für Theorien über eine Weltverschwörung wie gemacht: Die jährlich stattfindende Bilderberg-Konferenz, bei der sich Unternehmensführer, Politiker, Experten und Journalisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit zusammenfinden, um sich über die Weltlage auszutauschen.

An diesem Wochenende findet das Treffen in Chantilly im US-Bundesstaat Virginia statt. Es ist bereits das 63. Treffen. 1954 fand es erstmals im "Hotel de Bilderberg" in den Niederlanden statt.

Wer was sagt, bleibt geheim

Die Konferenz gilt als geheimnisumwittert, geschuldet ist dies der Intransparenz: Eine Teilnahme ist nur auf Einladung möglich. Journalisten können sich nicht akkreditieren, um von den Gesprächen zu berichten. Für die Teilnehmer gilt die Chatham House Rule: Sie dürfen zwar über die besprochenen Inhalte reden, aber nicht, wer was gesagt hat.

Dies soll es den Gästen ermöglichen, ungestört ihre Gedanken, Erfahrungen und Einschätzungen auszutauschen, so die Begründung der Organisatoren. Aus dem gleichen Grund gilt die Chatham House Rule auch bei zahlreichen anderen Veranstaltungen und Konferenzen mit Experten, Regierungsvertretern und Journalisten.

Wenn jedoch Staatenlenker und Unternehmensführer unter Ausschluss der Öffentlichkeit zusammenkommen, entsteht schnell der Verdacht, dass hinter verschlossenen Türen über das Schicksal der Bürger entschieden wird, ohne dass sie ein Mitspracherecht hätten.

Insofern ist es aber interessant, dass in diesem Jahr der Chef der deutschen Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, zu den Gästen zählt. Auch gewählte Volksvertreter wie der Bundestagsabgeordnete Jens Spahn und US-Senatoren sind dabei.

Teilnehmerlisten im Netz

So viel Transparenz gibt es: Auf der Webseite der Konferenz ist die Teilnehmerliste einzusehen. Demnach nehmen in diesem Jahr 131 Personen aus Nordamerika, westeuropäischen Staaten, Skandinavien und der Türkei teil.

Zu ihnen zählen der Nationale Sicherheitsberater der US-Regierung, Herbert Raymond McMaster, US-Handelsminister Wilbur Ross und IWF-Chefin Christine Lagarde.

Außer Bsirske und Spahn sind aus Deutschland Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, und mehrere Unternehmensführer wie der Chef der Bayer AG, Werner Baumann, und Airbus-Chef Thomas Enders als Teilnehmer aufgeführt.

Bis 2012 lässt sich auf der Webseite nachvollziehen, wer offiziell teilnahm. Der Presseservice der Konferenz verfügt nach eigenen Angaben nicht über Teilnehmerstatistiken, die weiter zurückreichen. Aufgeführt sind aber die Themen jeder Konferenz bis 1954 - ein kleines Archiv europäischer und transatlantischer Geschichte.

Europäer und Nordamerikaner unter sich

In einem Artikel des russischen Senders Russia Today wird beklagt, dass sich die Konferenz mit dem "russischen Informationskrieg", wie es in der Überschrift heißt, befasse, dass aber keine russischen Gäste geladen seien.

In der Tat zählen zu den 13 genannten Themenbereichen unter Punkt 7 "Informationskrieg" und unter Punkt 9 "Russland in der internationalen Ordnung". Aber aus Russland ist niemand dabei.

Dabei nahmen in den vergangenen Jahren durchaus Vertreter von dort teil: 2012 waren es der Unternehmer und Politiker Anatoli Tschubais, der Oppositionspolitiker Garry Kasparow und Ex-Außenminister Igor Iwanow. 2015 war der Wirtschaftsprofessor Sergej Guriew dabei.

Doch auch China und der Nahe Osten stehen in diesem Jahr auf dem Programm, ohne dass auf der Liste Teilnehmer aus diesen Ländern genannt sind.

Auffällig ist auch, dass zwar aus dem NATO-Staat Türkei Vertreter kommen, dass aus den osteuropäischen EU- und NATO-Staaten aber lediglich der ehemalige polnische Verteidigungsminister Radoslaw Sikorski zu Gast ist, der derzeit in Harvard lehrt.

Der Presseservice der Bilderberg-Konferenz teilt dazu mit, dass es sich um ein Forum handele, bei dem der Dialog zwischen Europa und Nordamerika gefördert werden solle. Seit dem ersten Treffen 1954 stammen traditionell zwei Drittel der Gäste aus Westeuropa und ein Drittel aus Nordamerika.

Ex-Bundespräsident an der Spitze

Die Teilnehmer werden dem Presseservice zufolge von einer Kommission ausgewählt, die Einladungen vom Vorsitzenden der Konferenz ausgesprochen. Das ist seit 2010 Henri de Castries, Vorstandsvorsitzender des französischen Versicherungskonzerns AXA.

Einziger Vorsitzender aus Deutschland war bislang von 1980 bis 1985 der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel. Damals galt die Konferenz, wie der "Spiegel" 1987 schrieb, als "angeblich 'vornehmster Debattierklub der Welt'".

Die Initiative für eine solche Konferenz ging nach dem Zweiten Weltkrieg vom Politikberater Jozef Retinger aus. Sein Ziel war eine Verständigung der europäischen Staaten untereinander sowie mit den USA.

Gespräche zu Vertrauensbildung

Diplomaten betonen immer wieder, wie wichtig es sei, dass gerade in angespannten Situationen Staatsvertreter regelmäßig zusammenkommen. So betonte die deutsche EU-Diplomatin Helga Schmid, dass die Atomverhandlungen mit dem Iran vor allem deshalb erfolgreich waren, weil in monatelang hinter verschlossenen Türen Vertrauen zwischen den Verhandlungsteilnehmern aufgebaut werden konnte.

Die Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini, die unter anderem die Minsker Friedenverhandlungen für die Ukraine geleitet hat, plädiert abseits von Routine-Dialogen von Außenministern für einen regelmäßigen Dialog zwischen Entscheidungsvertretern auf höchster Ebene, auch wenn es nur um den Austausch von Höflichkeiten gehe.

Tagliavini stellt die Frage, ob die schlechten Beziehungen zu Russland nicht auch darauf zurückzuführen sind, dass der Dialog mit der Führung in Moskau vernachlässigt und eine Entfremdung zugelassen wurde.

Die Frage ist jedoch, ob ein nach dem Zweiten Weltkrieg begründeter "vornehmer Debattierklub" von Unternehmern, Politikern, Experten und Journalisten hauptsächlich aus Nordamerika und Europa mit seiner Intransparenz heute noch ein passendes Format ist.

Immerhin gibt es rund um das Jahr zahlreiche Gipfeltreffen und internationale Konferenzen. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz zum Beispiel spielen bilaterale Treffen abseits der Öffentlichkeit eine ebenso große Rolle wie die Reden vor Publikum.

Zwischenzeitlich fand die Bilderberg-Konferenz offenbar so wenig Interesse, dass zu im Vorfeld organisierten Pressekonferenzen kaum Journalisten erschienen - so jedenfalls heißt es auf der Seite der Bilderberg-Konferenz.

Dass die "Bilderberger" in den vergangenen Jahren wachsende Aufmerksamkeit erhielten, ist auch darauf zurückzuführen, dass sich solch exklusive Treffen hervorragend für Verschwörungstheorien eignen, diese sich im Internet schnell verbreiten und hartnäckig halten.

Aber auch der Anspruch der Bürger auf Transparenz wuchs in den vergangenen Jahren, ebenso wie das Misstrauen gegenüber Unternehmen, Banken, Regierungen und Medien. Die Finanzkrisen oder die Lügen vor dem Irakkrieg sind nur zwei Gründe dafür.

Elitärer Kreis unter sich

Den Organisatoren scheint die Notwendigkeit zu Transparenz mehr und mehr bewusst zu sein. Zumindest antwortet ein Presseservice auf Anfragen. Auf der Webseite der Konferenz finden sich inzwischen viele Angaben.

So wird dort betont, dass es für die Konferenz-Organisation lediglich ein kleines Sekretariat gebe. Die Mitglieder des Komitees für die Auswahl von Themen und Teilnehmern würden für vier Jahre gewählt. Die Kosten für das Sekretariat werden demnach durch private Beiträge bestritten.

Hotel in Chantilly im US-Bundesstaat Virginia | Bildquelle: AFP

Dieses Jahr findet die Bilderberg-Konferenz in Chantilly im US-Bundesstaat Virginia statt.

Für die Ausgaben jedes Treffen seien diejenigen Mitglieder des Auswahlkomitees verantwortlich, in deren Land die Konferenz jeweils stattfindet - in diesem Jahr also die Komiteemitglieder aus den USA. Dies entspricht dem privaten Charakter des Treffens, doch schließt dies eine staatliche Finanzierung nicht aus.

Außerdem gibt es international Transparenzregeln zum Beispiel für Think Tanks und Lobbyorganisationen, die detailliertere Angaben zur Finanzierung fordern.

Um die Mythen von einer "Geheimzentrale der Weltregierung" zu entkräften, würde mehr Offenheit helfen, so die Möglichkeit zur Berichterstattung für Medien. Fraglich ist zudem, wie viele Erkenntnisse innerhalb eines elitären Kreises von Nordamerikanern und Nordeuropäern möglich sind, wenn es nicht auch einen Input von Vertretern aus anderen Gesellschaftsbereichen und Regionen gibt.

Bei einigen internationalen Veranstaltungen wie der Sicherheitskonferenz GLOBSEC in Bratislava werden zudem öffentliche Gesprächsrunden angeboten, bei denen sich Konferenzteilnehmer mit Bürgern aus der Gastgeberstadt austauschen.

Unbestreitbar ist, dass es mehr denn je Bedarf zum Austausch zwischen Nordamerika und Europa gibt. So steh auf der Tagesordnung auch ein "Fortschrittsbericht" über die Regierung Donald Trumps.

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