Ein Journalist berichtet aus einem Krisengebiet.

Interview zum Syrienkrieg "Lügen ist zur Strategie geworden"

Stand: 14.06.2017 14:42 Uhr

Die Macht der Bilder spielt auch im Fall Omrans eine große Rolle. Es gehe darum zu bestimmen, was von einem Krieg geglaubt wird, so Medienethiker Filipović im Interview. Aber aktuell gehe es auch darum, den Qualitätsjournalismus zu verunsichern.

ARD Kairo: Unter anderem in syrischen Medien sind Video-Interviews mit dem Vater von Omran und Omran selbst veröffentlicht worden. Darin kritisiert der Vater scharf die Opposition und die westlichen Medien. Was steckt in ihren Augen dahinter?

Prof. Alexander Filipović: Was wir hier erleben, ist, dass es wie bei jedem Krieg um Krieg der Wahrheiten geht. Jede Seite möchte natürlich bestimmen, was von diesem Krieg gewusst und geglaubt wird. Die Medien haben dieses Bild von Omran damals zu einer Ikone des Krieges gemacht. Die CNN-Moderatorin hat das Foto dem russischen Außenminister in die Hand gedrückt und ihn damit konfrontiert. Also Medien selber machen Bilder zu Ikonen und was wir hier erleben ist, dass der Spieß umgedreht wird: dass jetzt also von der anderen Seite versucht wird, das Bild für die eigenen Zwecke zu gebrauchen.

Zur Person

Julian Filipović arbeitet als Professor für Medienethik an der Hoschule für Philosophie in München. Er beschäftigt sich mit der Ethik des Journalismus, der Fernsehunterhaltung und der Digitalisierung. Gemeinsam mit anderen leitet er das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft.

ARD Kairo: Worum geht es bei dem "Bilderkrieg" um diesen Jungen?

Filipović: Die Bilder sind natürlich nochmal eine spezielle Kategorie. Das wissen wir auch von jedem Krieg, auch durch die Geschichte seit es die Fotografie gibt. Bilder spielen eine entscheidende Rolle. Sie bleiben sehr sehr lange im Gedächtnis und der Text verschwindet dann aus dem Gedächtnis. Es bleibt nur noch das Symbol und für was es steht im Kopf. Und umso intensiver versuchen die Parteien zu bestimmen, was von diesem Bild oder wie dieses Bild im Kopf bleiben soll.

Tragisch ist natürlich, dass Kinder verzweckt werden: Die können überhaupt nichts dafür, für das, was die Erwachsenen da machen. Und vor allem das Leid der Kinder wird regelrecht inszeniert. Das sind die schlimmen Auswirkungen des Krieges.

Interview mit Alexander Filipović: "Medien machen Bilder zu Ikonen"

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"Man weiß nicht mehr, wem man glauben soll"

ARD Kairo: Medien, wie der russische Sender RT kritisieren die Opposition und den "Westen". Mit welchem Ziel?

Filipović: Hier geht es tatsächlich darum, dass eine Gruppe von Medien versucht, gegen einen so vermuteten Mainstream anzugehen. Man konnte natürlich erleben, dass dieses Bild zu dieser Ikone gemacht wurde - also mit dem Bild durch die Medien Politik gemacht wurde, indem auf das Leid der Menschen in Aleppo hingewiesen wurde.

Und jetzt gibt es andere Medien, die eine große Verschwörung oder eine Lügenpresse wittern. Es geht um den Vorwurf Fake-News - und das ist heutzutage der Ausdruck für den Krieg der Wahrheiten.

Anderen Leuten wird also Fake vorgeworfen. Und man weiß nicht mehr so richtig, wem man jetzt glauben soll und ob das fact-checking überhaupt in so einer Situation noch hilft. Lügen ist zu der Strategie geworden, weil wir die Mittel an der Hand haben. Also lügen fruchten tatsächlich. Bilder verteilen sich wahnsinnig schnell - eben auch gefakte Bilder. Das nutzen diese Medien sehr geschickt.

"Wir haben keinen ungefilterten Zugriff auf die Realität"

ARD Kairo: Wie sehr versuchen Sender wie RT mit diesen Interviews ein "Symbol des Westens" zu beschädigen?

Filipović: Es geht zunächst erst mal in der Logik dieser Medien, die über die "Lügenpresse" Vorwürfe verbreiten, darum, das aufzubrechen, das zu entlarven und das wiederum zu einem Skandal zu machen. Also die Schlagzeile lautet jetzt: Seht mal, wie sehr die westlichen Medien hier Bilder verzwecken.

Sie tun natürlich genau das Gleiche, indem sie das behaupten: Sie haben die einzige und echte Wahrheit auf ihrer Seite und versuchen jetzt nachzuweisen, dass das damals alles Strategie war. So einfach ist es natürlich nicht. Es bleibt kompliziert. Auch für die westlichen Medien muss es kompliziert bleiben. Das heißt, man weiß es nicht genau, wie ein Bild zustande kam. Man kann das recherchieren und nachfragen, aber wir haben nun mal schlicht keinen ungefilterten Zugriff auf die Realität. Wir gucken durch die Linse von Fotografen, die selber engagiert sind. Wir gucken durch die Linse von Kameramännern und lesen Geschichten von Journalisten, die oft Teil der Auseinandersetzung sind und deswegen ist und bleibt die Situation im Hinblick auf die Bilder des Krieges hochkomplex.

"Ein guter Journalismus hat eine Agenda"

ARD Kairo: Beide Seiten haben das Foto also für sich genutzt. Wie sehr versuchen beide Seiten "Propaganda" mit einem Kind zu machen - das Kind für die eigenen Zwecke zu benutzen?

Filipović: Jeder hat eine eigene Agenda, das sage ich ganz vorsichtig. Und wenn die Bilder und Nachrichten zur Agenda passen, werden sie entsprechend benutzt. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Ein guter Journalismus hat für meine Begriffe eine Agenda - nämlich die Agenda, sich für Humanität, Menschenrechte und Frieden zu engagieren. Natürlich mit den Regeln, die den Journalismus ausmachen - also Wahrhaftigkeit Objektivität und auch eine gewisse Distanz, die dafür nötig ist. Also das heißt: Der Journalismus muss und die Medien müssen aufpassen, dass sie sich nicht in so einen Rausch reinschreiben. Oder auch in ihrem Rausch, in dem sie das Leid bekämpfen wollen, Bilder auch zu benutzen. Das heißt: Gelassenheit und nicht so nicht so auf die Emotionen gehen, wäre eigentlich ein guter Hinweis.

Das Schicksal des Jungen gerät aus dem Blick: Ich habe mich bei der Recherche zu dem, was mit diesem Bild jetzt passiert ist in diesen Tagen, tatsächlich kurz dabei erwischt, erstaunlicherweise, erleichtert zu sein, dass es dem Jungen gut geht. Das war aber tatsächlich nicht mein erster Gedanke, sondern ich habe mich zuerst mit dem Krieg der Wahrheiten und der Intensität der Bilder in Kriegen beschäftigt. Aber dem Jungen geht es gut. Das sollte die Hauptsache sein. Noch schöner wäre es, wenn den vielen Kindern und den vielen Menschen in den Kriegsgebieten so was überhaupt nicht passiert und solche Bilder nicht entstehen würden.

Interview mit Alexander Filipović: "Kein ungefilterter Zugriff auf die Realität"

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"Systematische Aufweichung von Wirklichkeitsbezügen"

ARD Kairo: Wie sehr passt diese Auseinandersetzung über den Umgang mit Omrans Aufnahmen in den Zeitgeist von Fake-News und den Lügenpresse-Vorwurf?

Filipović: Wir erleben gerade stark, dass der Wahrheitsbezug von allen Seiten - oder vielleicht von einer Seite speziell - in Frage gestellt wird. Das heißt, es geht auch um eine strategische und systematische Aufweichung von Wirklichkeitsbezügen, um auch Diskurse, Nachrichten und Qualitätsjournalismus zu verunsichern und dadurch zu verunmöglichen. Das beste Beispiel ist und bleibt Trump, der selber lügt und andere als Lügner bezeichnet und in dieser Situation kommt man gar nicht mehr so richtig raus.

Für mich bedeutet das noch mehr, auf die Notwendigkeit von einem professionellen guten Journalismus hinzuweisen, den wir schlichtweg brauchen, um Krisen - sei es lokal vor Ort oder global - irgendwie in den Griff zu bekommen politisch.

Das Interview führte Alexander Stein, SWR, derzeit ARD-Kairo.

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