Omrans Rettung: Screenshots aus einem Video des "Aleppo Media Center" v. 17.08.2016 | Bildquelle: Aleppo Media Center

Syrischer Junge Omran Zwischen Bomben und Propaganda

Stand: 14.06.2017 13:45 Uhr

Der kleine Junge Omran aus Aleppo wurde zum Symbol für das Leid in Syrien. In Interviews hat der Vater nun den Vorwurf erhoben, Omrans Rettung sei inszeniert worden. Doch die damals Beteiligten widersprechen vehement.

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Das Schicksal des syrischen Jungen Omran ist eng mit dem Kampf um die syrische Stadt Aleppo verknüpft. Am 17. August 2016 wurde der Junge in einem von Rebellen kontrollierten Stadtteil aus einem von einer Explosion zerstörten Haus gerettet, von Helfern in einen Krankenwagen gesetzt und später ins Krankenhaus gebracht. Videos und Fotos des Jungen im Krankenwagen gingen danach um die Welt - als Sinnbild für das Leiden und die Grausamkeit des Syrien-Krieges. Berichte über Omran erschienen unter anderem in der New York Times, im Telegraph und in "Der Spiegel" - auch tagesschau.de berichtete darüber. Die tagesthemen zeigten das Video des Jungen ebenfalls.

Schnell wurde Omrans Schicksal auch zum Spielball politischer Interessen: Ein Sprecher des US-Außenministeriums nannte Omran "das wahre Gesicht von dem, was in Syrien geschieht". CNN-Moderatorin Christiane Amanpour konfrontierte im Oktober 2016 in einem Interview den russischen Außenminister Sergej Lawrow als Verbündeten des Assad-Regimes mit Omrans Schicksal: "Das ist kein Terrorist, das ist ein Junge der umzingelt und belagert und bombardiert wird in Aleppo (...) Das ist ein Kriegsverbrechen." Einen Kommentar der Eltern zu dem Vorfall gab es damals nicht.

Rudi Tarneden, UNIFEC Deutschland, im Gespräch mit Thomas Roth
tagesthemen 22:15 Uhr, 18.08.2016

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Omrans Vater im Fernseh-Interview

Fast ein Jahr nach dem Vorfall äußerte sich nun Omrans Vater erstmals öffentlich: In mehreren Fernsehinterviews kritisierte Mohammed Kheir Daqneesh die Rebellen, Helfer und Medienleute von damals: Die Aufnahmen Omrans seien nur zu Propagandazwecken gemacht worden. "Sie brachten ihn nur ins Krankenhaus, um ihn zu filmen", sagte er im Interview. "Ich war dabei meine Familie zu retten. Die Aufständischen nutzten die Gelegenheit, um sie zu Propagandazwecken zu filmen, als sie aus dem Haus kamen."

Interviews mit zahlreichen Vorwürfen

Der russische Sender RT veröffentlichte zwei Interviews mit Omrans Vater. Omran sei nur leicht verletzt worden, sagte Mohammed Kheir Daqneesh. Aber: "Sie setzten Omran für das Foto so in Szene, dass es aussah, als wäre er schwer verletzt." Omran sei dann ins Krankenhaus gebracht worden, so der Vater, "aber nur um ihn zu filmen." Zudem sei ihm gedroht worden, sagte der Vater.

Zudem kritisierte der Vater die vor Ort tätigen sogenannten Weißhelme und die Tatsache, dass Omran generell ohne Erlaubnis fotografiert oder gefilmt worden sei. Die Aufständischen hätten sich außerdem geweigert, zur Klärung der Unglücksursache "die Überreste der Rakete oder was es auch war" zu untersuchen: "Sie weigerten sich auch nur irgendetwas zu untersuchen." Omrans Vater äußerte seine Kritik darüber hinaus unter anderem auch in einem Interview mit dem iranischen Sender Al-Alam TV und den syrischen National News.

Thema der Interviews war auch das Leben in Syrien unter Assad: "Die Armee rückt vor und befreit Gebiete. Wir konnten zurück zu unseren Häusern. Die Situation wird besser", sagte Omrans Vater. Und er kritisierte die Aufständischen im Land: "Ich habe mich nicht gegen mein Land verschworen und ich bekomme keine Dollars dafür, damit ich meinem Land Schaden zufüge."

Propagandakrieg um den syrischen Jungen Omran
Alexander Stein

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Medien kritisieren "Syrien-Fake"

Die Interviews mit Omrans Vater wurden in den Tagen nach der Veröffentlichung vielfach in Medien zitiert und in den sozialen Netzwerken geteilt - vor allem von Anhängern des Assad-Regimes und dessen Verbündeten. Sputnik Deutschland titelte beispielsweise: "Einer der furchtbarsten Syrien-Fakes enttarnt" - Sputnik und RT-Chefin Margarita Simonjan lud dabei zugleich Journalisten ein, den Jungen und seine Familie selbst zu interviewen.

Der Sender RT veröffentlichte die Interviews mit dem Vater und betonte dessen Kritik an Helfern und Medienleuten vor Ort. In einem Bericht der Epoch Times heißt es darüber hinaus, Omrans Vater sei von Medienvertretern und Rebellen Geld angeboten worden, "damit er vor laufender Kamera gegen den syrischen Präsidenten aussagt. Er hätte jeden von ihnen abgelehnt." Daraufhin hätten die Rebellen ihn und seine Familie bedroht und als Verräter beschimpft.

Video des "Aleppo Media Centers"

Mitarbeiter des "Aleppo Media Centers" waren damals am Unglücksort und stellten unter anderem im Internet ihre Videoaufnahmen für die Berichterstattung zur Verfügung. Kameramann für das "AMC" am 17. August 2016 war Mustafa Al Sarout. Das "AMC" ist dem ARD-Studio in Kairo seit längerer Zeit bekannt. Das Medienbüro ist laut Kairo-Korrespondent Volker Schwenck politisch zwar nicht neutral, habe aber in der Vergangenheit zuverlässig abgebildet, was in Aleppo passiert.

Aleppo Media Center: Verletzter Junge in Aleppo (unkommentiert), 17.08.2016
18.08.2016

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Ein längeres Video des "Aleppo Media Centers" vom Unglücksort, aufgenommen am 17. August 2016, finden Sie hier.

AMC-Kameramann weist Vorwürfe zurück

Das ARD-Studio Kairo hat den Kameramann Sarout zu den Ereignissen von damals befragt. Unstrittig ist, dass Omran und seine Eltern damals nur knapp dem Tod entgingen. Omrans Bruder Ali wurde bei dem Angriff so schwer verletzt, dass er kurz danach starb. Zumindest in den von RT veröffentlichten Videos wird sein Tod gar nicht erwähnt.

Sowohl Sarout als auch die Videoaufnahmen vom 17. August 2016 widersprechen der Aussage des Vaters, Omran sei so in Szene gesetzt worden, als sei er schwer verletzt worden. Das ist im Video nicht erkennbar. Die Aufnahme von damals zeigt vielmehr, wie zunächst der Junge von Helfern aus dem Haus gereicht und von einem weiteren Mann in den Krankenwagen getragen und abgesetzt wird. Später folgen ein Mädchen und noch ein Junge - und schließlich Omrans Vater. "Omran hatte Verletzungen am Kopf und eine Wunde am rechten Augenlid", erklärt Al Sarout im Interview. "Omrans Verletzungen waren leicht und seine Wunde am Kopf nur klein."

Arzt: "Omran unter Schock und leicht verletzt"

Der Vorwurf des Vaters, Omran sei nur ins Krankenhaus gebracht worden, um ihn zu filmen, lässt sich ebenfalls nicht halten. Alle aus den Trümmern Geretteten wurden zur ärztlichen Versorgung in ein Krankenhaus gebracht. Omran war verletzt und laut Sarout deutlich beeinträchtigt: "Er stand unter Schock und er suchte nach Angehörigen oder Menschen, die er kannte. Er war ja der Einzige [zu dem Zeitpunkt], der aus den Trümmern gerettet worden war."

Dass eine medizinische Behandlung des Jungen nötig war, bekräftigte kurz nach dem Vorfall bereits dessen behandelnder Arzt. Dem Guardian sagte er: "Als er eingeliefert wurde, war sein Körper von Staub bedeckt und er hatte Blut im Gesicht aus einer Wunde an der Stirn. (...) Er erlitt eine Kopfverletzung und Prellungen, aber nichts zu ernstes." Der BBC sagte der Arzt, Omran sei durch Glück nur leicht verletzt und nach zwei Stunden wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden.

Interview mit AMC-Kameramann Mustafa Al Sarout zur Rettung Omrans (Arabisch)

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Deutsche Übersetzung des Interviews mit dem AMC-Kameramann Sarout

"Druck durch den syrischen Geheimdienst"

Sarout widerspricht dem Vorwurf, Medienvertreter hätten Omrans Vater nach der Zerstörung des Hauses unter Druck gesetzt: "Selbstverständlich haben wir, als Reporter und Journalisten, Omrans Vater nicht dazu gezwungen, vor einer Kamera aufzutreten. Er sagte, dass er nicht gefilmt werden möchte und wir haben ihn nicht dazu gedrängt."

Omrans Familie Daqneesh lebt immer noch in Aleppo, das inzwischen wieder vollständig von Assad-Truppen kontrolliert wird. Zwischenschnitte der Interviews mit Omrans Vater zeigen das neue Zuhause der Familie. Als Rebellen und Bewohner des Ostteils den Ort in Richtung Idlib verlassen konnten, entschied sich die Familie in der Stadt zu bleiben. Dass der Vater nun mehrere Fernsehinterviews gab, geschah nach Meinung Sarouts nicht freiwillig: "Natürlich gab es Druck durch den syrischen Geheimdienst und die syrischen Medien, um vor der Kamera zu lügen und die Wahrheit von dem, was mit Omran geschah, zu verzerren."

Ob in der Tat Druck auf Daqneesh ausgeübt wurde, ist kaum zu überprüfen. Das syrische Staatsfernsehen, das die Interviews nun offenbar organisiert hat, wird von der Assad-Regierung streng kontrolliert und überwacht. Wie die "New York Times" berichtet, hatte die Familie vor kurzem aber eine Interview-Anfrage eines pro-oppositionellen Journalisten noch abgelehnt. Eine Interview-Anfrage des ARD-Studios Kairo hatte die Familie zuvor ebenfalls verneint.

Keine Zweifel an Echtheit des Videos

Volker Schwenck

ARD-Korrespondent Schwenck

ARD-Korrespondent Schwenck schilderte unmittelbar nach dem Angriff auf das Haus von Omrans Familie im August 2016 seine Einschätzung auf tagesschau.de. An der Echtheit der Szenerie habe er keine Zweifel: "Wir sehen das Leid eines Kindes. Eines von vielen, denn Kinder sterben auf beiden Seiten. Durch die Hand der bewaffneten Opposition genauso wie durch die syrische Führung."

Vielen galt Omran zunächst als Opfer der russischen Militärhilfe für Syriens Machthaber Assad. Denn die Rebellen sehen das Assad-Regime und die verbündete russische Luftwaffe in der Verantwortung. Durch die Interviews des Vaters wird diese Deutung infrage gestellt. Für viele Assad-Anhänger ist Omran nun vor allem ein Opfer der Aufständischen geworden: Alles sei inszeniert gewesen - die Rebellen hätten zudem Druck auf den Vater ausgeübt.

Russland weist Verantwortung zurück

Dabei bleibt auch nach den Interviews die Frage unbeantwortet, wer für die Zerstörung des Wohnhauses der Familie Daqneesh verantwortlich ist. Darauf gibt es in Syrien weiterhin unterschiedliche Antworten: Die Aufständischen bezichtigen Assad und seine Verbündeten - die wiederum bezichtigen die Aufständischen.

Russisches Militär in Aleppo | Bildquelle: AP

Russisches Militär in Aleppo

Russland wies die Verantwortung dafür früh von sich: "Wir haben mehrfach unterstrichen, dass die Flugzeuge der russischen Luftwaffe in Syrien nicht gegen Ziele in bewohnten Gebieten aktiv sind", erklärte das Moskauer Verteidigungsministerium kurz nach dem Vorfall. Die Analyse der Zerstörungsbilder zeige zudem, dass kein Luftangriff als Ursache in Frage komme, sondern eine Mine oder ein Gas-Flaschen-Geschoss, wie sie häuftig von Terroristen in der Region eingesetzt worden seien.

Die Rechercheplattform "bellingcat" nahm die widersprüchlichen Aussagen zum Anlass, die öffentlich zugänglichen Informationen zum Angriff auf das Wohnhaus der Familie Daqneesh zu untersuchen. Dabei konnte das Haus auf einer Karte markiert und die Zerstörung des Gebäudes und der angrenzenden Häuser durch Satellitenbilder und Aufnahmen vor Ort dokumentiert werden. Die Recherche kam zu dem Ergebnis, dass es für einen - wie vom russischen Verteidigungsministerium beschriebenen - Angriff durch Rebellen mit Gas-Zylinder(n) keine Belege gibt.

Doppeltes Symbol

Der kleine Omran ist somit im doppelten Sinne zum Symbol für das Leid in Syrien geworden: Er ist erst Opfer eines Angriffs geworden, verlor seinen Bruder - und nun ist sein Schicksal auch noch zur Propagandaschlacht gemacht worden.

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